
12
»Wir sollten uns auf den Weg machen. Meine Mutter weiß wahrscheinlich, dass wir in der Nähe sind, und wird uns entgegenkommen, wenn wir nicht bald eintreffen.«
»Weiß sie, dass du hier bist, weil sie deine Mutter ist, Drachenexpertin oder Schamanin?«, fragte ich ihn, als wir kurz darauf wieder über die mit Schlaglöchern übersäte Piste holperten.
»Wahrscheinlich aus allen drei Gründen. Als Schamanin weiß sie, wer in diesem Gebiet unterwegs ist. Aber sie ist auch meine Mutter, und ich bezweifle nicht, dass man sie über unsere Ankunft in Lajamanu schon unterrichtet hat.«
Einen Moment lang überlegte ich, ob ich die Frage stellen sollte, die mir auf dem Herzen lag, aber dann beschloss ich, Gabriel besser zu fragen, bevor wir seiner Mutter gegenüberstanden.
»Du hast deinen Vater nur ein einziges Mal erwähnt. Er ist doch nicht tot, oder?«
»Tot?« Gabriel blickte mich überrascht an. »Wie kommst du denn darauf?«
»Nun ja, du hast viel von deiner Mutter gesprochen, aber kaum über deinen Vater. Ich habe geglaubt, Drachen trennen sich nur, wenn einer von ihnen... na ja, tot ist.«
»Er ist nicht tot.«
»Oh. Gut. Er ist also auch hier, bei deiner Mutter?«
»Nein.« Gabriel blickte konzentriert auf die nicht vorhandene Straße und wich Nachttieren aus, die plötzlich im Lichtkegel der Scheinwerfer auftauchten. »Du kennst doch den Fluch, Mayling. Du weißt doch, dass einem Silberdrachen kein Gefährte geboren ist. Das gilt auch für meine Eltern.«
»Ja, ich weiß davon. Ich dachte nur...« Ich machte eine vage Geste. »Ich nahm nur an, dass sie, abgesehen von einem gemeinsamen Namen, ein Paar sind.«
»Nein. Mein Vater lebt in Tansania. Das Einzige, was er, abgesehen von meinen Geschwistern und mir, mit meiner Mutter teilt, ist eine Leidenschaft für Tiere. So haben sie sich auch kennengelernt. Mein Vater ist ein paar Jahrhunderte vor den weißen Siedlern nach Australien gekommen, weil er sich für das Tierleben hier interessierte. Meine Mutter war Schamanin eines Aborigine-Stammes und machte ihn wieder gesund, als er von einer Tigerotter gebissen wurde. Er blieb etwa zehn Jahre lang bei ihr, aber schließlich gingen sie getrennte Wege.«
»Das ist ja traurig.« Ich überlegte, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn die anderen Wyvern mich Gabriel wegnähmen.
»Dann ist deine Mutter also auch unsterblich? Wie kann das sein, wenn sie nicht seine Gefährtin ist?«
»Sie ist Schamanin.«
»Und Schamanen sind unsterblich?« Ich war verwirrt. Ich hatte immer nur von sterblichen Schamanen gehört.
»Nein, theoretisch nicht. Aber Schamanen können in die Traumwelt gehen. Wenn ihr sterblicher Körper verbraucht ist, schickt meine Mutter ihren Geist dorthin, und wenn sie wiedergeboren ist, kehrt er in die Welt zurück.«
»Ahh. Sehr klug. Wie oft ist sie schon zurückgekommen?«
»Unzählige Male. Das da müsste ihr Lager sein.« Die Scheinwerfer fielen auf eine kleine Ansammlung schäbiger Zelte. Als das Auto näher kam, erhoben sich ein paar Personen, die um ein Lagerfeuer gesessen hatten. Mir zog sich vor Nervosität der Magen zusammen.
»Du brauchst nicht nervös zu sein, mein Vögelchen. Meine Mutter wird dich mögen«, sagte Gabriel, der entweder meine Gedanken gelesen oder meinen misstrauischen Gesichtsausdruck bemerkt hatte.
Eine große, elegant aussehende Frau mit kaffeebrauner Haut trat vor. Das Lächeln, mit dem sie Gabriel begrüßte, war so warm wie die Hitzewellen, die immer noch aus der Wüste aufstiegen. Sie schloss ihn in die Arme, küsste ihn auf beide Wangen, dann umfasste sie sein Gesicht mit den Händen und musterte ihn, bevor sie ihm erlaubte, mich vorzustellen.
»Du siehst gut aus, Kind. Du wirkst... glücklich.«
»Dafür kannst du May danken«, sagte er und streckte die Hand nach mir aus.
»Ich bin Kaawa Mani. Meine Freundinnen haben mir von dir erzählt, Kind«, sagte sie und musterte mich von Kopf bis Fuß.
»Ich muss mich für meinen Aufzug entschuldigen. Es gab ein kleines Malheur mit meiner Kleidung«, sagte ich. »Aber es freut mich sehr, Sie kennenzulernen.«
Eine Sekunde lang blickte sie auf die Hand, die ich ihr entgegenstreckte, dann betrachtete sie eingehend mein Gesicht. Ich musste all meinen Mut zusammennehmen, um nicht in die Schatten zu gehen, so durchdringend war ihr Blick. Vor ihr fühlte ich mich so nackt, als ob sie mir direkt in die Seele blicken würde.
»Du teilst dir die Traumwelt mit Wintiki, dem Nachtvogel«, sagte sie plötzlich und umarmte mich. Von ihrer Wärme umfangen, fühlte ich mich sofort willkommen. »Ja, wirklich? Ich hoffe, das ist gut?«
Kaawa lachte. »Es kommt selten vor, dass jemand, der kein Aborigine ist, eine Traumwelt teilt. Es ist ein gutes Zeichen.«
»Dann freut es mich umso mehr«, erwiderte ich und warf Gabriel einen Blick zu. Er beobachtete uns mit einem eher düsteren Gesichtsausdruck. »Obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob ich genau verstehe, was die Traumwelt ist. Bisher dachte ich, es sei dasselbe wie die Schattenwelt.«
»Es kann vieles sein«, sagte sie. Sie legte den Arm um mich und führte mich ans Feuer, wo drei andere Personen sich erhoben hatten und warteten. »Im Allgemeinen ist es die Geschichte der Ursprünge, darüber, wie die Dinge entstanden sind. Aber in eurer Welt kann es auch eine Existenz jenseits der sterblichen Ebene bedeuten. Es ist all das und noch mehr. Versuch nicht, alles zu verstehen, akzeptiere einfach, dass es so etwas gibt.«
»Das klingt nach einem sehr weisen Ratschlag.«
»Das sind Adobi, Maka und Pari«, sagte sie und stellte mir die Männer vor, die mich mit breitem Lächeln und festem Handschlag begrüßten. »Sie sind Ranger aus dieser Gegend. Vor ihnen nenne ich dich Tochter, und als solche wirst du bei allen bekannt sein. Gabriel, ich glaube, du erinnerst dich an Pari von... was um alles in der Welt...«
Sie hatte sich ihm zugewandt und offensichtlich jetzt erst die roten Striemen an seinen Seiten bemerkt. Ich errötete und musste mich zusammenreißen, um nicht in die Schatten zu huschen, als sie zu ihm trat, um sie genauer zu betrachten.
»Es sind Paarungsmale«, stellte sie fest. »Paarungsmale von Drachen. Hast du nicht gesagt, deine Wintiki sei eine Schattengängerin?«
Zu meinen Füßen brach ein kleines Feuer aus. Die drei Männer, die allesamt in staubige Khakihemden und - shorts gekleidet waren, sprangen erschrocken zurück, als ich es austrat.
»Es gab einen Zwischenfall mit dem Lindwurm-Phylakterium«, erwiderte Gabriel bedächtig und warf einen raschen Blick auf die drei Männer. »Du kannst vor ihnen sprechen. Sie tragen nichts weiter«, sagte seine Mutter und zog ihn zu sich ans Feuer. Er ergriff meine Hand und zog mich mit sich. Einer der Ranger, der älteste, ein Mann mit grauen Haaren und klugen braunen Augen, wies auf einen Campingstuhl.
»Danke, es geht schon«, murmelte ich und hockte mich vorsichtig auf eine zerbeulte Kühltasche aus Plastik, die anscheinend auch als Hocker diente.
»Erzähl es mir«, sagte Kaawa und bot uns Kaffee an.
Gabriel erzählte rasch die Ereignisse des gestrigen Tages.
Ich rutschte unruhig hin und her, als er erwähnte, wie ich ihn missverstanden hatte und das Phylakterium zerbrochen war. Wiederholt musste ich mich auf meine Hände setzen, weil unter Kaawas forschendem Blick meine Fingerspitzen immer wieder in Flammen ausbrachen.
»Das ist alles sehr interessant«, sagte sie nachdenklich und betrachtete ihren Sohn forschend. »Aber den interessantesten Teil hast du noch nicht erwähnt.«
Gabriel kniff die Lippen zusammen. Seine Knie begannen zu brennen. »Entschuldigung«, sagte ich und konzentrierte mich darauf, das Feuer zu löschen.
»May spürt die Wirkung des Drachenherzens«, erklärte Gabriel. »Daher kommen auch die Paarungsmale. Wie du sehen kannst, muss sie immer noch lernen, das Feuer zu kontrollieren.«
»Ja, ja, das verstehe ich - bei Ysolde war es genauso, als sie zum Avignon-Phylakterium wurde - , aber das meine ich nicht, und das weißt du auch. Erzähl mir von diesem Drachen, der in die Traumwelt gehen konnte.«
Gabriel schwieg einen Moment lang. »Ich glaube, es ist so, wie du denkst. Ich verstehe nicht, wie er überleben konnte, und doch liegt der Beweis hier vor uns.«
»Pah«, sagte sie und winkte ab. Sie schenkte sich eine Tasse starken, schwarzen Kaffee ein und setzte sich auf einen der Segeltuchstühle. »Auferstehung ist nicht schwierig. Aber dass ein Drache in die Traumwelt geht und dort sogar interagiert...«
Sie schüttelte den Kopf. »Das ist wahrlich eine Leistung, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Bist du sicher, dass er versuchte, dir das Phylakterium abzunehmen, Wintiki?«
Ich nickte.
»Dann muss Baltic von jemand ganz Speziellem wieder zum Leben erweckt worden sein«, sagte sie nachdenklich, den Blick aufs Feuer gerichtet.
»Aber das ist unwahrscheinlich, oder?«, fragte ich. Gabriel nickte langsam. »Alle Zeichen deuten daraufhin, und doch erscheint es mir unmöglich.«
»Ich finde, es passt zu allem, was in der letzten Zeit passiert ist«, sagte ich nachdenklich. »Oder nicht? Ich könnte schwören, dass der Mann, der mit mir in der Schattenwelt war, ehrlich überrascht war, das Phylakterium zu sehen, und er versuchte, es mir wegzunehmen. Wenn ihr aber annehmt, dass Baltic von den Toten wiederauferstanden ist, warum hat er dann Kostya das Phylakterium gegeben, wenn er es selbst haben wollte?«
»Ich weiß nicht«, gestand Gabriel. »Es scheint keinen Sinn zu ergeben, und doch habe ich in den letzten Jahrzehnten gespürt, dass irgendetwas im Weyr nicht stimmte. Wie eine leichte Störung, die nicht da hingehörte.«
»Das hat er von mir«, erklärte Kaawa stolz. »Das gute Aussehen stammt von seinem Vater - hast du ihn kennengelernt? Eine fürchterliche Person, aber ein dermaßen guter Liebhaber, dass man alles andere für eine gewisse Zeit vergessen konnte. Aber es freut mich doch sehr, dass Gabriel seine edleren Anlagen alle von mir hat.«
»Das habe ich schon bemerkt«, stimmte ich ihr höflich zu.
»Noch nicht wirklich, aber du wirst es schon noch erleben«, erwiderte sie, bevor sie sich wieder dem eigentlichen Thema zuwandte. »Ich weiß, du möchtest mit mir darüber reden, dass May das Phylakterium für das Drachenherz geworden ist - wie nennst du dich selbst, Kind?«
Ich blickte sie überrascht an. »Wie?«
»Alle Phylakterien haben eine Bezeichnung, damit man die Herzstücke identifizieren kann. Du musst einen offiziellen Namen tragen, weil du jetzt das Gefäß bist.«
»Ich weiß nicht.« Überrascht blickte ich Gabriel an. »Ich muss meinen Namen ändern?«
»Nein, du musst ihn nicht ändern, aber es ist Tradition, jedes Phylakterium zu benennen.« Er überlegte einen Moment lang. »Du kannst doch deinen Nachnamen benutzen. Oder meinst du, dein Zwilling hat etwas dagegen?«
»Ich wüsste nicht, warum. Dann bin ich also jetzt May Northcott, Doppelgängerin, Gefährtin eines Wyvern, Gattin von Magoth und das Northcott-Phylakterium?« Ich stieß die Luft aus. »Ich bin ein bisschen überwältigt.«
Gabriel lächelte. »Das mit der Gefährtin des Wyvern ist das Wichtigste, und das beherrschst du hervorragend.«
Der Blick in seinen Augen entzündete erneut mein Feuer, und plötzliche schmerzhafte Nadelstiche in meinen Fingern ließen mich aufspringen. Erneut bildeten sich silberne Schuppen und meine Fingerspitzen wurden blutrot.
»Faszinierend, einfach faszinierend.« Kaawa ergriff eine meiner Hände, um sie zu betrachten. »Ich habe natürlich von Ysolde de Bouchier gelesen. Sie hat über ihre Erfahrungen berichtet, als sie zum Avignon-Phylakterium geworden ist, aber es mit eigenen Augen zu sehen, ist etwas ganz anderes. Meine Liebe, ich möchte ja nicht nörgeln, aber würdest du bitte das Feuer in meinem Zelt löschen? Ich habe nur dieses eine, und ich habe nicht vor, schon wieder vierzehn Tage in der Stadt zu verbringen.«
Zwei der Ranger sprangen ebenfalls auf, als ich mich erschrocken umdrehte. Eins der Zelte stand in Flammen. Ich schloss die Augen und wurde instinktiv zum Schatten, als ich mich darauf konzentrierte, das Feuer zu löschen. Als es nicht mehr brannte und ich aus den Schatten zurückkam, verließen die beiden jüngeren Ranger eilig das Camp. Pari, der ältere unter ihnen, musterte mich interessiert.
»Du hast eine gute Wahl getroffen«, sagte Kaawa lächelnd zu Gabriel. »Mit ihr wirst du dich nie langweilen.«
Gabriel lachte. »Langeweile war noch nie ein Thema, aber May ist keine gute Wahl - sie ist die einzige Wahl.«
Ein Stich fuhr mir durchs Herz. Er hatte recht - ich war die Einzige, die seine Gefährtin sein konnte, ob er es nun wollte oder nicht.
»Hör auf damit, kleiner Vogel. Du weißt, dass ich es nicht so gemeint habe«, sagte er.
»Hör du auf, meine Gedanken zu lesen«, entgegnete ich.
»Ich habe dein reizendes Gesicht gelesen«, sagte er und fuhr mit dem Daumen über mein Kinn. »Du kannst deine Gedanken nur schlecht verbergen.«
Ich schlug die Augen nieder. Vor den anderen wollte ich dieses Thema nicht diskutieren.
Kaawa blickte Gabriel verwirrt an. »Du kannst ihre Gedanken lesen? Dann müsst ihr wirklich vom Schicksal füreinander bestimmt sein. Für Drachen ist das sehr selten. Du bist offensichtlich wirklich etwas Besonderes, Wintiki.«
»Das ist sie auch, und ich habe keine Lust, den Rest unseres Lebens damit zu verbringen, Herausforderer abzuwehren«, sagte Gabriel. »Natürlich setze ich mich mit jedem auseinander, der glaubt, mir meine Gefährtin wegnehmen zu können, aber jetzt, wo sie das fünfte Stück des Drachenherzens in sich trägt, wird sie zum Freiwild für jeden, der sie benutzen möchte. Das möchte ich verhindern.«
»Ja, natürlich«, stimmte Kaawa zu.
»Ist es denn möglich, das Stück Drachenherz wieder loszuwerden?«, fragte ich Kaawa. »Ich meine, so, dass es nicht kaputtgeht.«
»Und dass auch du nicht verletzt wirst«, fügte Gabriel hinzu.
»Hmm.« Kaawa blickte gedankenverloren ins Feuer. »Das Drachenherz ist die Essenz aller Drachen, das, was den ersten Drachen entstehen ließ. Er erkannte, dass die Macht dieses Herzens zu groß für einen einzelnen Drachen war, deshalb teilte er es in fünf Stücke. Eins bekam der grüne Wyvern, je eins der rote und der schwarze, und zwei Stücke wurden den blauen Drachen gegeben.«
»Zwei? Warum zwei?«
»Der erste Drache gründete die blaue Sippe. Er behielt ein Stück für sich und gab eins seiner Sippe, für den Wyvern, den er wählen würde.«
»Gibt es ihn noch, den ersten Drachen, meine ich?«, fragte ich. Vielleicht gab es ja eine Verbindung zwischen ihm und dem geheimnisvollen Baltic, der möglicherweise im Hintergrund die Fäden zog.
»Nein«, sagte Gabriel. »Man weiß noch nicht einmal, ob es ihn je gegeben hat. Er ist mehr Mythos als Realität.«
»Es hat ihn gegeben. Und es gibt ihn noch, in allen Drachen«, warf Kaawa mit ruhiger Gewissheit ein.
»Die Stücke wurden also aufgeteilt. Wie kam diese Ysolde zu ihrem Stück?«, fragte ich.
»Ysolde war die Gefährtin des schwarzen Drachen Baltic, wurde aber von Constantine Norka als Gefährtin beansprucht. Es gibt einige Unklarheit darüber, welchen Wyvern sie akzeptierte - ihre Tagebücher aus jener Zeit sind verschwunden. Aber wir wissen, dass sie dem Endlosen Krieg ein Ende machen wollte, bevor noch mehr Drachen starben, nur weil diese beiden Männer um sie kämpften. Irgendwie gelangte sie an das Stück Herz des ersten Drachen und benutzte es mit den Stücken von Baltic und Constantine, um sie alle zusammenzufügen. Es funktionierte natürlich nicht - das Drachenherz hat einen eigenen Willen und widersetzte sich diesem Unterfangen. Dabei wurde das Phylakterium mit dem Stück des ersten Drachen zerstört und Ysolde stattdessen als Gefäß in Besitz genommen.«
»Was ist mit ihr passiert?«, fragte ich. »Ich habe ihren Namen schon öfter gehört. Lebt sie noch?«
Kaawa schwieg einen Moment und stocherte geistesabwesend mit einem Stock im Feuer herum. »Sie verschwand, als Baltic von seinem Erben getötet wurde. Manche sagten, das sei der Beweis, dass sie tatsächlich seine Gefährtin war, aber es gibt Hinweise darauf, dass sie seinen Tod überlebte und sich irgendwo versteckt hielt. Nachdem Constantine Norka von einer Lawine getötet wurde, hat man jedoch nichts mehr von ihr gehört, also könnte es auch gut sein, dass sie tatsächlich seine Gefährtin war. Aber das werden wir wahrscheinlich nie erfahren.«
»Und wurde das Stück Drachenherz mit ihr zerstört?«
»Nein. Sie hat es erfolgreich in ein anderes Gefäß überführt.«
Kaawa zog die Augenbrauen hoch und blickte Gabriel an. »Du musst die anderen Stücke finden, Kind.«
Er nickte. »Ich weiß, wo sie sind.«
»Warum müssen wir die anderen Stücke finden?«, fragte ich verwirrt.
»Das einzelne Stück kann von seinem Gefäß nur getrennt werden, wenn das Gefäß zerstört wird.«
»Uh«, sagte ich. Das gefiel mir aber gar nicht.
»Genau.« Kaawa nickte. »Es kann jedoch zu einem ganzen Herzen zusammengefügt und dann erneut in einzelnen Teilen in geeignete Gefäße umgefüllt werden. So hat Ysolde es gemacht - sie hat ihr Stück mit den anderen zu einem Ganzen geformt, um es anschließend wieder in seine Einzelteile zu zerlegen und diese in die aktuellen Behältnisse umzufüllen. Aktuell mit Ausnahme von dir.«
»Hast du nicht gesagt, das Stück Herz habe sich geweigert, weil es einen eigenen Willen hat, und das Gefäß sei zerstört worden?«, erwiderte ich verwirrt.
»Das war nur beim ersten Mal der Fall, als sie versucht hat, das Herz für ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Das Drachenherz ist ungeheuer mächtig.« Kaawa blickte mich aus ihren dunklen Augen ernst an. »Es kann ganze Sippen zerstören, Kind, möglicherweise sogar den gesamten Weyr. Schon die einzelnen Stücke besitzen viel Macht, aber das ist gar nichts im Vergleich zu dem Ganzen. Die meisten Wesen, ob Drachen oder andere, können mit einer solchen Waffe nicht umgehen. Ysolde meinte es gut, aber sie besaß nicht die Fähigkeit, das Herz zu kontrollieren, und diese Tatsache hat das Herz erkannt und sich ihr aus diesem Grund verweigert. Aber als sie es zu einem Ganzen zusammenfügen wollte, um die Sicherheit aller einzelnen Stücke zu gewährleisten - damals war der gesamte Weyr in Aufruhr und viele Sippen standen kurz vor der Auflösung - , da hat das Herz sie gewähren lassen.«
»Du willst also sagen, wir müssen dieses Prozedere wiederholen? Wir müssen alle Stücke zusammentragen, das Drachenherz neu formen, und es dann wieder in einzelne Stücke zerbrechen, um diese in nicht menschliche Gefäße zu geben?«
»Es ist der einzige Weg, um das Stück von deinem Wesen zu trennen«, erwiderte sie nickend.
Voller Hoffnungslosigkeit und Entsetzen blickte ich zu Gabriel. »Wie soll ich das denn bewerkstelligen? Ysolde war ein Drache, oder nicht? Wird dieses Drachenherz mir denn erlauben, es neu zu formen, obwohl ich nur deine Gefährtin bin?«
»Wir müssen es versuchen, Mayling«, erwiderte Gabriel. Der Muskel an seinem Kinn zuckte.
Ich nickte stumm. Es gab nichts weiter zu sagen - entweder gelang es uns, das Drachenherz neu zu formen und es wieder in einzelne Stücke zu zerlegen, oder ich würde für den Rest meiner Tage ein Gefäß bleiben. Ich musste auch an Magoth denken - bisher hatte er keinen Zugang zu einer meiner Fähigkeiten gehabt, aber wer wusste schon, ob er nicht an das Stück Drachenherz herankam? Ich konnte es nicht riskieren, ihm mehr Macht zu geben, als er ohnehin schon hatte.
Wenn man an Magoth und die zahlreichen Drachen da draußen dachte, die töten würden, um Macht über andere zu erlangen, gab es einfach keine andere Möglichkeit.